Was für eine documenta will Naomi Beckwith?

Ein persönlicher Videoessay über Kunstfreiheit, Widerspruch und die Vorfreude auf den Sprung ins Unbekannte

Noch ist es ruhig auf dem Friedrichsplatz. Und vielleicht ist genau das im Moment das Schöne.

Knapp neun Monate vor Beginn der documenta 16 kennen wir noch nicht die Künstler*innen und die Werke, die Kassel im kommenden Sommer verändern werden. Doch langsam bekommt die nächste Weltkunstausstellung Konturen. Seit wenigen Tagen hat die D16 ihr visuelles Erscheinungsbild, der Ticketverkauf läuft – und Naomi Beckwith spricht erstmals ausführlicher darüber, welche Haltung hinter ihrer documenta stehen soll. Die documenta 16 findet vom 12. Juni bis 19. September 2027 in Kassel statt.

In Interviews mit der HNA und der ZEIT geht es um die Erfahrungen der documenta fifteen, um Protest, Antisemitismus und den Krieg in Gaza, um politische Positionen von Künstler*innen und um die Frage, wie frei Kunst in einem aufgeheizten gesellschaftlichen Klima sein kann.

Aber es geht um noch viel mehr.

Je länger ich mich mit den beiden Gesprächen beschäftigt habe, desto stärker wurde bei mir nicht etwa die Sorge vor der nächsten documenta – sondern die Vorfreude.

Kunst ist frei

Einige Aussagen Beckwiths sind bemerkenswert eindeutig.

Der Code of Conduct der documenta gilt nicht für die Künstlerische Leitung und nicht für die eingeladenen Künstler*innen. Beckwith begründet das in der ZEIT mit einem denkbar einfachen Satz:

„Art is free in Germany.“

Auch politische Gesinnungsprüfungen lehnt sie ab. Keine Background Checks, keine Überprüfung, welche politischen Petitionen jemand unterschrieben hat. Künstlerinnen seien Bürgerinnen und damit frei, eigene Meinungen zu vertreten.

Und dann fällt ein Satz, der für mich zu den stärksten dieser Interviews gehört:

„I examine the works, not the artist.“

Ich schaue auf die Werke, nicht auf die Künstler*innen.

Nach all den Debatten der vergangenen Jahre ist das keine beiläufige Aussage. Beckwith unterscheidet damit deutlich zwischen der politischen Haltung eines Menschen und seiner künstlerischen Arbeit. Gleichzeitig betont sie, dass der Eindruck politischer Einflussnahme auf die Inhalte der documenta vermieden werden müsse. Das lässt aufhorchen.

Wo ich widerspreche

Die Interviews zeigen aber auch, dass Beckwith aus der documenta fifteen Konsequenzen gezogen hat. Sie will sehr genau wissen, was in ihrer Ausstellung gezeigt wird. Das ist zunächst einmal eine kuratorische Selbstverständlichkeit – und zugleich eine Abgrenzung gegenüber dem Eindruck, bei der vergangenen documenta seien manche Arbeiten von der künstlerischen Leitung nicht ausreichend wahrgenommen worden.

Beim Umgang mit „People’s Justice“ von Taring Padi widerspreche ich Beckwith allerdings.

Sie hält die damalige Entfernung des Werkes für richtig und betont gleichzeitig, dass das Entfernen von Kunst immer ein sehr radikaler Schritt und höchstens ein letztes Mittel sein dürfe.

Ich hätte das Werk sichtbar gelassen. Für mich zeigt sich Kunstfreiheit gerade am schwierigen Werk: nicht indem der Konflikt verschwindet, sondern indem er sichtbar bleibt und öffentlich ausgetragen werden kann.

Kritik, Einordnung und Auseinandersetzung brauchen aus meiner Sicht einen eigenen Rahmen – und sollten eng mit Kuratorinnen und Künstlerinnen abgestimmt sein. Dafür könnte es einen eigenen Raum geben: einen Ort für die Auseinandersetzung, ohne die unmittelbare Begegnung mit dem Kunstwerk zu überlagern. So bleibt sein eigener Wirkbereich gewahrt.

Das bedeutet nicht, dass Kunst außerhalb von Kritik stehen sollte. Ganz im Gegenteil. Aber die Kritik sollte nicht an die Stelle der eigenen Erfahrung des Kunstwerks treten.

Wie viel Reibung verträgt „constructive art“?

Spannend wird Beckwith auch dort, wo ihre Aussagen zunächst widersprüchlich erscheinen.

Sie verteidigt Protest, Dissens und unterschiedliche politische Positionen. Gleichzeitig spricht sie von „safety“, von Vertrauen und von „constructive art“. Kunst, deren einziges Ziel Provokation sei, interessiere sie nicht. Für reine Provokation sei momentan nicht die Zeit.

Was heißt das?

Eine harmonische, konfliktfreie documenta kündigt Beckwith jedenfalls nicht an. Vielmehr scheint sie einen Raum schaffen zu wollen, in dem schwierige Gespräche überhaupt möglich werden – einen Raum, in dem Menschen einander widersprechen können, ohne dass das Gegenüber zum Feind werden muss. Ob und wie das funktioniert, werden am Ende natürlich erst die Kunstwerke zeigen. Genau darin liegt für mich eine der spannendsten Fragen der kommenden Monate: Wie viel Reibung verträgt die konstruktive Kunst, von der Beckwith spricht?

Improvisation statt fertiger Antworten

Und dann verlässt das ZEIT-Interview irgendwann die Konflikte der Vergangenheit. Plötzlich wird sehr viel deutlicher, was Beckwith eigentlich interessiert. Improvisation, Jazz oder der Moment, in dem Künstler*innen beginnen, obwohl sie nicht wissen, wo sie am Ende ankommen werden.

Sie spricht über Menschen, die damit umgehen müssen, dass vertraute Strukturen verschwinden. Über Migration und Neubeginn. Über Künstliche Intelligenz und eine technische Entwicklung, bei der wir längst nicht mehr sicher wissen, ob wir noch die Technologie benutzen – oder die Technologie zunehmend uns. Und sie fragt, was uns in einer solchen Welt eigentlich menschlich macht. Das klingt für mich plötzlich sehr nach documenta. Nicht nach einer Ausstellung, die Antworten liefern möchte, sondern nach einer, die Erfahrungen ermöglicht.

Die documenta selbst beschreibt Improvisation, kollektives Lernen, Performances und neue Formen gemeinsamer Erfahrung inzwischen als zentrale Bestandteile der kommenden Ausgabe. 

Der Sprung ins Unbekannte

artort.tv begleitet Naomi Beckwith auf ihrem Weg zur documenta 16 bereits seit ihrer Berufung 2024 und ihrem ersten großen öffentlichen Auftritt in Kassel im März 2025. Damals kamen mehr als 700 Menschen in die documenta Halle, um erstmals ausführlicher von ihrer kuratorischen Arbeit zu hören. Im Sommer 2025 dokumentierten wir außerdem das Gespräch mit früheren Künstlerischen Leiter*innen anlässlich des 70. Geburtstags der documenta

Damals war vieles noch sehr abstrakt, aber heute wird das Bild langsam schärfer. Noch kennen wir die Künstler*innen nicht und vielleicht ist das genau im Moment das Schönste.

Naomi Beckwith beschreibt ihre documenta als einen „Sprung ins Unbekannte“. Kassel steht noch am Rand. Aber langsam bekommt man Lust zu springen.

Transparenzhinweis

Stephan Haberzettl ist Filmemacher, Betreiber von artort.tv und Mitinitiator von #standwithdocumenta. Dieser Videoessay gibt seine persönliche Perspektive wieder und ist keine Stellungnahme der Initiative.

Unterhaltsam Unaufhaltsam: Wie ein Poetry Slam in Kassel Klartext sprach

Es gibt Abende, an denen Bühne und Botschaft zu einer Einheit verschmelzen. Der 22. Mai 2026 in der pro familia Beratungsstelle Kassel war so einer.

Zum Abschluss der Veranstaltungsreihe des Frauenbündnisses Kassel anlässlich des Internationalen Frauentags luden pro familia Kassel und Poetry Slam Nordhessen erstmals gemeinsam zu einem feministischen Poetry Slam. Der Titel: „Unterhaltsam Unaufhaltsam“ – ein Wortspiel, das schon im Namen trägt, worum es an diesem Abend ging. Unterhaltung mit Haltung. Kunst, die nicht stehen bleibt.

Eine Idee wird Realität

Die Initiative kam von Constanze, die bei pro familia sozialpädagogisch arbeitet und an diesem Abend gemeinsam mit Marvin von Poetry Slam Nordhessen moderierte. Ihre Idee, feministische Themen auf die Slam-Bühne zu bringen, wurde von zahlreichen Menschen mitgetragen – ehrenamtlich, mit viel Herzblut und noch mehr Überstunden. Die Kulturförderung der Stadt Kassel blieb aus; möglich gemacht hat den Abend am Ende der pro-familia-Verein selbst.

Sechs Stimmen, ein Thema

Sechs Poetinnen traten in der Vorrunde mit selbstgeschriebenen Texten zu sexueller und reproduktiver Selbstbestimmung an: Sharon, Annabel Salhi, Miss Entropie, Emilie, Annika unterm Sofa und Bea. Jede brachte eine eigene Perspektive mit auf die improvisierte Teppichbühne – mal humorvoll, mal politisch pointiert, mal roh und verletzlich.

Nach der Vorrunde standen drei Finalistinnen fest: Sharon, Annabel Salhi und Miss Entropie. Dazwischen ein besonderes Zwischenspiel – ein Slam-Feature von Conny, von der pro familia Kassel, das sich unter dem Titel „Selbstbestimmung“ dem Thema Schwangerschaftsabbruch widmete und noch einmal deutlich machte, worum es an diesem Abend im Kern ging: Das Recht, über den eigenen Körper selbst zu bestimmen.

Das Finale

Im Finale zeigten sich noch einmal alle drei Poetinnen von ihrer eindringlichsten Seite. Annabels Text nahm das Publikum mit in die Kindheitsperspektive eines Krieges. Miss Entropie brachte mit ihrer fiktiven Kunstfigur „Jochen“ gesellschaftliche Vorurteile und rechte Rhetorik pointiert aufs Korn.

Am Ende stand fest: Miss Entropie gewinnt den ersten „Unterhaltsam Unaufhaltsam“-Slam der pro familia Beratungsstelle Kassel in Kooperation mit Poetry Slam Nordhessen.

Warum das wichtig ist

Poetry Slam lebt vom Moment – von echten Menschen, echten Texten, echter Wut, echter Verletzlichkeit. An diesem Abend wurde daraus mehr als Unterhaltung: ein öffentlicher Raum, in dem Themen wie Selbstbestimmung, Gewalt gegen Frauen und gesellschaftliche Doppelmoral unmissverständlich benannt wurden. Wie es Nelli Hofmann von pro familia in ihrer Begrüßung formulierte: Diese Rechte stehen nicht zur Diskussion.

Das komplette, rund 101-minütige Video der Veranstaltung gibt es hier auf unserem YouTube-Kanal. Wir wünschen besondere Erkenntnisse!

Aufgezeichnet und mit Licht ausgestattet von clipmedia im Auftrag von pro familia Kassel.

Die documenta wird 70 – Im Gespräch mit ihren künstlerischen Leiter*innen

Happy Birthday, documenta! (English. below)

Heute, am 15. Juli, feiert die Weltkunstausstellung documenta ihren 70. Geburtstag. Herzlichen Glückwunsch!

Die offiziellen Feierlichkeiten fanden bereits am 7. Juni in der documenta-Halle in Kassel statt. Im Zentrum des rund dreistündigen Programms stand ein hochkarätig besetztes Gespräch: Saskia Trebing, Kulturjournalistin beim Monopol Kunstmagazin, sprach mit den ehemaligen Künstlerischen Leiter*innen Caroline Christov-Bakargiev, Roger M. Buergel, Adam Szymczyk sowie der designierten Künstlerischen Leiterin der documenta 16, Naomi Beckwith.

Zur Feier des Tages zeigen wir dieses besondere Gespräch in voller Länge – ein Rückblick und Ausblick zugleich, der zeigt, wie lebendig, umstritten und relevant die documenta auch nach sieben Jahrzehnten geblieben ist.

Jetzt anschauen und inspirieren lassen – wir wünschen spannende Erkenntnisse!

Happy Birthday, documenta!

Today, on July 15, we celebrate the 70th anniversary of the world-renowned art exhibition documenta. Congratulations! The official celebrations already took place on June 7 in the documenta Halle in Kassel. The highlight of the three-hour program was a conversation hosted by Saskia Trebing, cultural journalist at Monopol art magazine, with former artistic directors Caroline Christov-Bakargiev, Roger M. Buergel, Adam Szymczyk, and Naomi Beckwith, the newly appointed artistic director of documenta 16.

On this special day, we’re sharing a full recording of this inspiring conversation – a retrospective and a look ahead, showing how documenta continues to shape contemporary discourse, even 70 years after its founding.

Watch now and dive into seven decades of radical, global art history.

70 Jahre documenta – Pressekonferenz 5. Juni 2025

Die documenta wird 70 – und natürlich waren wir von artort.tv bei der Auftakt-Pressekonferenz im Fridericianum live dabei. Für Euch haben wir die komplette Veranstaltung filmisch festgehalten – ungekürzt, unkommentiert, direkt.

Vorgestellt wurde dabei die künstlerische Intervention von Cosima von Bonin: 7000 Palmen – eine ebenso witzige wie scharfsinnige Anspielung auf verschiedene documenta Künstler wie Joseph Beuys. Was bedeutet Erinnerung? Wie funktioniert ironisches Weiterdenken? Und wie sieht Kunst aus, die sich selbst nicht ganz so ernst nimmt – und gerade deshalb wirkt? Oder sind es ganz andere Fragen, die uns beim Anblick des Kunstwerks beschäftigen? Der Direktor des Fridericianums und großer Fan von Cosima von Bonin Moritz Wesseler erklärt in der Pressekonferenz wie es zur Zusammenarbeit mit der documenta 12 Künstlerin kam und erzählt über die Besonderheiten von Kunstim öffentlichen Raum. Zudem gab es in der Pressekonferenz einen Ausblick auf die bevorstehenden Festlichkeiten und den Festakt am 7. Juni, der mit zahlreichen Gästen und ehemaligen Künstlerischen Leiter*innen an die Gründung der Weltkunstschau erinnern soll. Wir wünschen Euch zauberhafte Erkenntnisse beim Reinschauen in die rund 38 Minuten lange Pressekonferenz – ein Stück lebendige Kunstgeschichte aus Kassel. Und natürlich: Bleibt neugierig!

Wir wünschen spannende Erkenntnisse!